![]() |
|
| english | deutsch | |
Vorwort zum Katalog vierhundertzwölf vierhundertzweiunddreißig von Dr. Martin Stather |
|
|
|
INDUSTRIE ALS ORT ROMANTISCHER EINSICHT Seit den Anfängen der Fotografie hat diese sich ein Bild gemacht von der Umgebung städtischen Daseins. Gleichsam tastend hat sie sich jedes Umfeld, Land, Stadt, Industrie erschlossen und mit der Entwicklung der technischen Möglichkeiten der Fotografie den verschiedenen Sujets anverwandelt. Ausgehend von dem Bedürfnis, die Realität möglichst exakt, d.h. detailgetreu abzubilden, hat sich die Fotografie aber bereits in ihren ersten Resultaten als dessen weitgehend unfähig erwiesen. Der vermeintlich objektive Blick erhellte doch nur die Sehweise des Fotografen und verhielt sich gegenüber der Erfahrung des Betrachters als manipulativ. Eine weitere Komponente, die der fotografischen Decouvrierung, entdeckte Walter Benjamin: "Was die ersten Fotografien so unvergleichlich macht, ist vielleicht dies: dass sie das erste Bild der Begegnung von Maschine und Mensch darstellen."1 Einblicke, Sekundenbruchteile, oder, im Falle früher Fotografie Minuten, die im Bild festgehalten werden, vermitteln den Eindruck gefrorener Zeit, die der Mensch, konträr dazu, als grundsätzlich transitorisch wahrnimmt. In der Analyse dieser Augenblicke verbergen sich im glücklichsten Falle Einsichten, die sonst verloren wären. Die Industriefotografie, die den Menschen bei der Arbeit zeigt, verfährt prinzipiell, als industrielle Technik, gleichartig mit ihm wie die industrielle Arbeitsweise allgemein: Sie zerlegt seinen Lebenslauf in Sequenzen, Zeitabschnitte. Die Entwicklung der modernen Großindustrie, die Faszination von Technik oder technischen Details, hat eine Fotografie hervorgebracht, die industriell hergestellte Teile als Metapher menschlicher Arbeit versteht und dies monumentalisiert. Fotografen wie Maurice Tabard, Albert Renger-Patzsch, Margaret Bourke-White oder Charles Sheeler haben zu dieser Sichtweise beigetragen. Gerade in den Fotografien Bourke-Whites aus den 30er Jahren aber ist eine weitere Dimension spürbar. Die bildliche Monumentalität von Industrieanlagen enthält einen weiteren Gesichtspunkt, den des romantisch?Bedrohlichen. Die schwarz-weiß-Fotografie war hierzu ein adäquates Mittel. Der "Schein der Rationalität"2, der vom Gegenstand geborgt wird, weist über den Gegenstand als solchen hinaus. Wiederum nach Benjamin entkleidet sich solche Fotografie dem menschlichen Zusammenhang in der Art, dass sie nicht erkenntniskritisch sein kann. Die Fotografien Martin Zellers legen einen anderen Zusammenhang bloß: Die Ästhetik der Farbfotografie, die seit den späten 30er Jahren erstmals eingesetzt werden konnte, ist konstituierend für seine Bilder. Der bereits weiter oben erwähnte Fotograf Renger-Patzsch spezifizierte die Möglichkeiten technischer Fotografie im Gegensatz zu malerischer Technik folgendermaßen: "Beherrscht er (der Fotograf) die Technik in hervorragendem Maße, so kann er die Dinge im Augenblick hervorzaubern, mit denen sich der Künstler tagelang abmühen muss, wenn es sich nicht überhaupt um Gebiete handelt, die dem Künstler verschlossen sind, auf denen die Fotografie sich aber auf ihrem ureigensten befindet."3 Die lndustrielandschaften Zellers, allesamt Nachtaufnahmen mit langer Belichtungszeit, lassen künstliche Stimmungen entstehen, die für das Auge selbst eines aufmerksamen Betrachters unsichtbar blieben. Die Künstlichkeit der von Menschenhand gestalteten Umwelt findet ihre direkte Entsprechung in der Künstlichkeit des Endproduktes Foto, das der Fotograf bewusst beeinflussen, nicht aber in allen Einzelheiten vorhersehen kann. Die entstehende "falsche" Farbigkeit ist die des chemischen Labors und gestattet nur ferne Assoziationen an Neonlicht und reale Großstadtatmosphäre. Die Aussparung jeglicher menschlicher Präsenz in den Bildern lässt diese zu traumartigen Konstellationen erstarren, die Relikte menschlicher Existenz noch dessen Verschwinden von diesem Planeten präsentieren. Sie werden damit zu Metaphern der Vergänglichkeit, aber auch zu Augenblicken des "time out", des Nachdenkens über die Erscheinungsform technischer Zivilisation. Die Ruhe und Intensität, die aus den Fotografien spricht, lässt selbst so etwas Lebendiges wie Wasserflächen unberührt und wie tote Materie aussehen. Verlassene Industrieplätze und Flussufer strahlen bisweilen die Melancholie von Ruinenromantik aus. Aus den Fotografien Martin Zellers spricht auch die Romantik abgeschiedener Plätze, an denen sich nächtens Liebende treffen, erstaunt über die eigene Existenz und die Fremdartigkeit einer Umgebung, die tagsüber eine andere Bedeutung hat. Im Auge der Kamera entsteht, im chemischen Prozess auf Film gebannt, eine Unwirklichkeit der Wirklichkeit, die doch viel mit alltäglicher Erfahrung zu tun hat, diese aber bildlich unsichtbar lässt. Der Regisseur Peter Greenaway benutzt beispielsweise solche farbliche Aussagekraft, um seine Filme zu strukturieren und um das Gemeinte zu verdeutlichen.
ANMERKUNGEN |
| Hauptseite - Martin Zeller | |
| Werkverzeichnis | |